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Die genaue Zeitnehmung – Kurzgeschichte

Kurzgeschichte für den FM4 Kurzgeschichten wettbewerb unter dem Motto „Scharf“.

Am Ende entscheidet heute das Zielfoto wer gewinnt. Erst die genaue Zeitnehmung macht es uns möglich Gewinner in den Himmel zu heben und Verlierer auf ihre Plätze zu verweisen. Dieser Fortschritt der Unterteilung in Siegertypen und Fußvolk hat es auch in die Arbeitswelt geschafft: Als Zeiterfassung. Ein Umstand der alles verändert hat. Alles. Früher gab es 2, vielleicht 3 Zustände: Schlafen, Wachsein und Unzurechnungsfähigkeit. Heute lautet die Frage: Bist du eingestempelt oder nicht. Das ist der Fortschritt.

Der weltweite Siegeszug der Chinesen hat sich auch in den idyllischen Alpen herumgesprochen und so waren wir nicht die einzigen die sich Asiatisch zu Mittag vorbestellten. Widererwartend dauerten die schmackhaften Nudelboxen, denen ein Hauch von Yoga innewohnt, 10 Minuten länger. Da waren wir nun, ausgestempelt. Es waren die gleichen 10 Minuten auf dieser schönen Erde wie, wenn wir noch eingestempelt gewesen wären. Waren wir aber nicht und so fühlte sich alles anders an. Zeit, was ist Zeit? Vergeht sie immer gleich schnell oder ist der Moment, wo du begreifst, dass es deine Zeit ist mehr Wert, im Vergleich zu Zeit die du gegen Geld tauschst das du dann wieder gegen Asianudeln tauschen kannst?

Natürlich spielt es eine Rolle ob du im allgemeinen Geld hast oder nicht. Aber das sich Zeit und vor allem das Zeitgefühl mit (Geld-)Masse verändert wissen wir ja eh. Leider fehlt es mir an eben dieser und stehe auf die Lohnarbeit angewiesen uneingestempelt und wartend vor dem China-Imbiss. Der Arbeitskollege dessen Idee es war hier her zu gehen sieht meine strafenden Blicke. Seine Schuldgefühle mir meine Zeit geklaut zu haben verschafft mit zwar Genugtuung für den Moment, aber keine Wiedergutmachung. Mit Geschichten über sein Wochenende will er die Wartezeit überbrücken und offenbar davon ablenken, dass es seine Idee war hier her zu kommen. Er erzählt mir etwas von einem Fußballspiel … bla bla bla. Ich kann ihm nicht zuhören. Der Kollege sitzt gerade stellvertretend auf dem Sitzplatz eines anderen Kollegen der seinen Schreibtisch mit mehreren Hochzeitsfotos und Familienbildern geschmückt hat. Während er mir also stark gestikulierend erklärt, wie das Spiel durch irgendeine Fehlentscheidung eine katastrophale Wendung nahm, muss ich nur an seinen Arbeitsplatz denken. Immerhin bekommt er, wenn er eingestempelt ist, dafür bezahlt sich Hochzeitsfotos anderer Paare anzusehen. Ganz sicher ist das nicht der Grund warum man ihn angestellt hat. Die Realität ist es aber und deshalb kann ich ihn und seine Fußball Geschichte nicht ernst nehmen.

Endlich. Unsere Nudeln sind fertig.

Meine Zeit verbringe ich grundsätzlich draußen, außer ich bin drinnen. Und so essen wir auch an diesem Tag unter freiem Himmel. Der Wind weht durch die Haare und die Teriyaki Sauce verteilt sich auf meinem Tshirt.

Die Frage ob ich mich dafür schämen soll, erinnert mich an konservative Einstellungen und Vorurteile denen Menschen in hohen Positionen oft ausgesetzt sind. Wie oft wird über das Outfit einer Politikerin gesprochen oder über die Schuhe eines Ministers. Was hat das mit seiner Arbeit zu tun, frag ich mich da. Im Gegenteil, wenn ich keine Zeit habe mich um mein Äußeres zu kümmern, heißt das ja nur, dass ich mich ordentlich auf meine eigentliche Aufgabe konzentriere, meine Arbeit. Nicht nur stolz, sondern auch mit einer gewissen Besonnenheit, trage ich also meine Flecken wie eine Auszeichnung meiner Arbeit vor mich her. Der herrliche asiatische Duft begleitete mich den restlichen Nachmittag von meinem Shirt aufsteigend. Mit dieser neuen Selbstzufriedenheit, Aber auch der, mit dem Geruch verbundenen, Erinnerung an meinen Bali-Urlaub und meinen neuen Gedanken über Zeit, beschließe ich den restlichen Tag eingestempelt, nur noch mit Katzenvideos schauen, zu verbringen. Es gibt nämlich noch einen weiteren, sehr österreichischen Zustand: Eingestempelt nix tun. Also Carpe Diem

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